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ACH, 'NE DAME! Ein Taxiroman von Sabine Faber mit wöchentlichem Update |
Einleitung
Auf diesen Seiten veröffentlichen wir den Roman von Sabine Faber. Jede Woche finden Sie hier die neueste Episode. Die bisher erschienenen sind über die untenstehenden Links zu erreichen. »Ach, 'ne Dame!« ist nicht nur ein Erlebnisroman, sondern erzählt auch viel über die Gedanken und Gefühle,die Sabine Faber in den dreizehn Jahren als "Kutscherin" hatte. Viele Erfahrungen, von denen so auch manch anderer Taxifahrer erzählen könnte, hat sie meist sehr treffend, spannend und gefühlvoll aufgeschrieben. Sabine Fabers Roman ist auch im August 99 in Buchform erschienen. Das Buch kostet (inkl. Porto und Verpackung) 24,80 DM Vorkasse und kann direkt bestellt werden unter: Berlinstreet, Postfach 650 446, 13304 Berlin |
Das Wochenende nahte. Ich saß in meinem Taxi und lächelte vor mich hin und dachte an Henny, der jetzt wieder in seiner Heimat war. In Holland! Wie es ihm jetzt erging? An der Taxihalte stieg ich aus, sah in den sternenklaren Himmel und entdeckte den großen Wagen. Dieses Sternbild konnte Henny in Holland auch sehen! Ob sich Sternengrüße übertragen konnten? Und wie ich so nach oben schaute, kriegte ich plötzlich ein Kribbeln im Bauch, und g
estand mir ein, dass ich verliebt war. Ich schloss die Augen und sah ganz deutlich sein Gesicht vor mir und sagte leise: "Bei dir bin ick glücklich!"
Nachtrag:
Dann fiel mir der Berggeist ein, den ich in Island abgezeichnet hatte. Ich hatte ihn Apollo getauft. Und dieses Bild, was ich dort im Schattenspiel der Bergfelsen entdeckt und gemalt hatte, zeigte doch deutliche Ähnlichkeit mit dem Gesicht, was ich jetzt vor mir sah: Es war Henny! Verträumt stand ich neben meiner Taxe, da rief ein Kollege: "Sag mal, Kollegin, willst du nicht nach vorne vor fahren?" Tatsächlich war ich an der Reihe, hatte nicht bemerkt, dass inzwischen zwei Taxen weg
gefahren waren. Nun war ich dran. Hier am Busbahnhof konnten die Taxen manches Mal weggehen wie warme Semmeln, ein anderes Mal wieder stand man hier ewig lange und guckte sich den "langen Lulatsch" an (Berliner Funkturm). Zwei Herren näherten sich meiner Taxe. "Können Sie uns zum Hotel Berlin fahren, meine Dame?"
"Natürlich!"
Der eine Herr stieg vorne ein, der andere hinten. Während ich die Neue Kantstraße hinunter fuhr, eröffneten die beiden Männer ein Gespräch. Ich lauschte und überlegte, um welche Sprache es sich hier handeln würde. Einige Worte verstand ich, sie klangen fast wie hochdeutsch. Als sie eine Pause einlegten, fragte ich: "Kommen Sie aus Holland?"
"Ja! Aus Den Haag! Können Sie Nederlands verstehen?"
"Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich viel verstanden von dem, was Sie eben miteinander erzählt haben. Aber ich habe die Sprache nie gelernt."
Der Holländer neben mir lächelte freundlich und erklärte: "Bei uns in Den Haag spricht man das "älgemeen beschaafd Nederlands", das kommt dem Hochdeutschen gleich. Deshalb gibt es viele Angleichungen, und Sie können uns ein bisschen verstehen."
"So!" Und neugierig fragte ich: "Gibt es auch innerhalb Hollands Dialekte, bei denen sich die Leute nicht gut verstän-digen können?"
"Aber ja! Wir haben dreizehn Provinzen, in denen ungefähr zehn verschiedene Dialekte gesprochen werden. Zum Beispiel: Gronings, Drents, Brabants, Limburgs, Twents oder Fries. Es ist so, dass ein Friese einen aus Brabant nicht unbedingt versteht. Am deutlichsten sprechen die Niederländer in Haarlem. Schon in Amsterdam redet man wieder anders als in Rotterdam."
"Das ist ja was!" rief ich. "Es ist so ein kleines Land, und doch gibt es so viel Sprachunterschiede!" Der andere Holländer meinte:" Nicht nur das, auch die Menschen sind in ihrer Mentalität von Provinz zu Provinz verschieden. Bei Ihnen ist es doch genauso in Deutschland!" Ich nickte und überlegte, wie oft die Fläche Hollands in die Bundesrepublik passen würde.
Nun wollte ich noch etwas wissen und fragte: "Welchen Dialekt spricht man denn in Coevorden?"
"Drents! Kennen Sie den Ort näher?"
"Nein, das nicht, aber ich habe jemanden kennengelernt, der dort wohnt. Er spricht mit mir ein gutes Deutsch."
"Das hat er sicher nicht nur in Drenthe gelernt! Trotzdem, Coevorden liegt nahe der Grenze und viele Niederländer können dort ein wenig Deutsch verstehen. Lernen Sie denn jetzt auch durch ihren Bekannten die Sprache?"
"Möglich! Ich würde gerne nach Holland fahren und die Leute dort verstehen."
Die beiden Holländer stiegen aus und wünschten mir noch alles Gute. Direkt vor dem Hoteleingang blieb ich stehen und dachte daran, tatsächlich mal nach Holland zu reisen. Aber Henny konnte ich dort nicht besuchen! Sollte ich an seiner Tür klingeln und mich seiner Frau als Taxifahrerin aus Berlin vorstellen? Nein! Absurd!
Als ich am nächsten Abend bei Gerd in der Taxipause vorbeischaute, erzählte ich ihm von Henny. Gerd kannte mich gut, schließlich waren wir einmal im gleichen Mietshaus aufgewachsen. Er horchte genau hin, und mir war, als horchte er auch zwischen den Sätzen auf meinen Atem. Gerd meinte: "Pass auf, Bine! Daraus wird doch nichts! Er wohnt weit weg und hat eine Familie. Wenn er dann auf Montage geht nach Deutschland, will er sich ein paar nette Stunden machen. Glaubst du denn alles, wa
s er dir sagt?"
"Ja! Ich glaube Henny! Er ist eine ehrliche Haut, das spüre ich. Und er ist unglücklich mit seiner Ehe."
"Ach! Woher willst du das genau wissen? Ist ja auch sein Problem! Warum muss er heiraten und ein Kind machen! Halt du dich da besser raus!"
"Das läßt sich leicht sagen! Wo du als Einzelkämpfer sowieso Ehe und Familie ablehnst."
Gerd spielte einen Lieblings-Trumpf aus: "Beziehungen gehen sowieso kaputt!"
"Na,bitte!" stieß ich hervor. "Und du gehst erst gar keine Beziehung unter einem Dach ein. So kann auch nichts kaputt gehen."
Er sah mich herausfordernd an und meinte: "Gib es doch zu Bine, dass du selber Angst vor einer engen Beziehung hast. Du bist mir doch ähnlich!"
"Klar, kann ich das zugeben. Es stimmt! Aber das Alleinewohnen ist auf die Dauer auch nicht optimal für mich."
"Und was willst du jetzt?" fragte Gerd leicht gereizt.
"Was heißt, was will ich jetzt?" platzte ich heraus. "Jedenfalls nicht wie du, einen Tag vor meinem Tod heiraten!" Damit gab sich Gerd geschlagen. Wir saßen uns am Küchentisch gegenüber und wussten nicht mehr weiter. Bis Gerd doch noch mal Luft holte und mir den freundschaftlichen Rat gab, den Holländer als schöne Erinnerung zu behalten, ihn ansonsten aber für die Zukunft zu vergessen.
Mir war klar, dass Gerd so reagierte, wollte er doch seine alte Freundin nicht teilen. Ich überlegte, wie ich zu Gerd stand. Wir beide waren eine uralte Freundschaft, die einfach nicht zusammenschmelzen wollte. Dafür waren wir zu individualistisch.
Ich konnte Gerds Rat nicht befolgen. Denn schon zwei Tage später meldete Henny sich telefonisch aus Holland. Wie er mir erzählte, befand er sich in der ersten Telefonzelle hinter der Grenze, und konnte somit mit deutschen Markstücken und Groschen die Telekom bereichern. Wir tratschten lange, und ich hörte die Groschen fallen. Henny berichtete mir, dass er in der nächsten Zeit in seinem Land Arbeit hätte. Die Montagearbeit sei erst einmal passe. Wir waren beide traurig, dass wi
r uns nicht sehen konnten. Er meinte: "Ich rufe dich wieder an!" Das tat er auch. Einmal bis zweimal die Woche hörte ich aus der besagten deutschen Telefonzelle die Groschen und Markstücke klimpern.
Allmählich registrierte ich, jedoch nur aus Vernunft, dass wir viel zu weit voneinander entfernt waren. Nicht nur kilometerbezogen, sondern auch, was unsere Lebensumstände betraf. So kam ich zu der Einsicht, einfach einen guten Freund in Holland zu haben. Wie sich auf einer Nordseereise mit Gerd herausstellte, befand sich diese Einsicht nicht im Bauch. Wir waren ganz in der Nähe der holländischen Grenze, da studierte ich die Landkarte und meinte zu Gerd: "Du, Coevorden ist gar nicht
weit von hier!" Ich hatte wohl etwas Falsches gesagt, jedenfalls verdrehte er die Augen und bemerkte: "Es soll mal schön da bleiben, wo es ist, die Einwohner auch!"
Der Urlaub an der Nordsee brachte mich dazu, fit und erfrischt in den ertragreichsten Taximonat zu gehen.
Als ich an einem Nachmittag im Dezember aufwachte, und die Gedanken sortierte, klingelte das Telefon. Henny war dran! Er sagte: "Bine! Ich bin glücklicherweise in deiner Nähe. Ich könnte dich noch besuchen und mit dir Kaffee trinken." Das klang gut, und ich sagte: "Prima! Wollen wir zum Kaffee Croissants essen?"
"Ich bringe welche mit" rief er. In seiner Stimme schwang eine Fröhlichkeit mit, die mich gleich ganz und gar wach machte. Er kam. Wir lachten uns an, nahmen uns an die Hände und drehten uns ein paar mal im Kreis. Vielleicht so, wie fröhliche, kleine Kinder es tun. Und wir zwei waren zusammen Kinder. Natürlich redeten wir auch einige ernsthafte Worte. Da ging es um wirkliche Eheprobleme, die vom Handtuch, dreckigen Fingernägeln, bis hin zur Ignoranz zweier Ehepartner hande
lten.. Und nebenbei kam noch das Kind dazu. Ein dreijähriger Junge, der an Mutters Schürzenzipfel hing, weil der Papa sowieso nichts mehr zu melden hatte.
"Du hast es gut!" meinte Henny. Hast deine Freiheit, deine Freunde, deine Taxiarbeit, die dir Spaß macht. Und ich weiß nicht mehr weiter zu Hause! Das Schönste für mich ist, dass es dich gibt, Bine! Bei dir kann ich endlich mal sagen, was los ist. Zu Hause, da gibt es nichts zu reden."
Ich nehme an, die Sozialarbeiterseele kam in mir hoch. Denn ich sagte: "Vielleicht hast du ja nur eine Ehekrise! Kann doch sein, dass deine Frau mehr Zuneigung braucht, und du sie mit kleinen Überraschungen wieder gewinnst. Bring ihr einen Strauß Blumen mit, koche etwas gutes für sie oder nimm den Staubsauger in die Hand. Möglich ist es ja, dass du durch die Montagearbeit deine Familie aus den Augen verloren hast. Schenk ihr Liebe!"
"Das habe ich schon probiert! Weißt du, wie ich mich bei meiner Frau fühle? Wie eins von den Möbelstücken! Abgestellt! Jetzt kommt bald das Weihnachtsfest, da habe ich erst recht keine Lust drauf. Jeden Tag zu Hause sein, das wird was!"
"Versuch es einfach noch mal! Dann horche auf deine innere Stimme und du weißt, was du willst."
Henny schnaufte. Ich sah, dass seine Augen feucht waren. Dann sagte er: "Gut! Da muss ich ja auch durch!"
Wir verabschiedeten uns mit einem Kuss, sahen uns noch einmal fest an und wußten, dass wir uns lange Zeit nicht sehen würden. Hennys kurzer Montageaufenthalt war vorüber und er fuhr zurück nach Holland.
Natürlich mochte ich Henny, ja, ich wusste, ich könnte ihn sogar sehr lieb haben. Aber ich wünschte ihm, dass er herausfand, was das beste für ihn war.
Ich fuhr wie der Teufel Taxi und ließ keine Nacht aus, die mich reicher machen konnte. Erst im Januar sechsundneunzig wollte ich mir eine Woche Urlaub gönnen.
Henny rief nach dem Weihnachtsfest an und klang verzweifelt. Er meinte, dass er jetzt sein absolutes Tief erreicht hätte, es könnte nur wieder aufwärst gehen. Aber wie, das wusste er noch nicht. Er fragte mich, ob ich eine Beziehung möchte. Ich sagte nein und grübelte für mich selbst darüber nach, wie das mit Henny möglich sei.
Das neue Jahr trudelte ein, und ich machte mich auf den Weg zu meinen Eltern. Der Weihnachtsbaum stand noch im Glanz der vielen Kerzen und Kugeln, und unter dem Baum lagen Geschenke für mich. Es war lustig, Weihnachten im Januar zu feienr. Und ich genoss es, mich wieder mal verwöhnen zu lassen, Hier, in der klaren Höhenluft im schönen Weserbergland. Meine Eltern fragten mich aus. Sie wollten alles wissen. Ob ich denn noch mit dem Taxifahren zufrieden sei? Das war ich! Und wie es mit der
Liebe bestellt sei? Das wüsste ich im Moment auch nicht, nuschelte ich und erzählte ihnen von Henny, bis ich an den Punkt ankam, dass es eine schöne Freundschaft sei. Mein Vater schwieg sich aus, und meine Mutter riet mir: "Bine! Misch dich nicht in eine Ehe ein! Du machst dich nur unglücklich!"
"Das habe ich auch nicht vor!"
Damit war das Thema Liebe und Henny vom Tisch, und wir sprachen über einfachere, unverfänglichere Dinge des Lebens. Ich baute mit meinem Vater einen Schneemann im Garten, den wir natürlich auch fotografierten. Das zweite Foto zeigte den riesigen Schneemann und mich als Kleene daneben. Mein Vater zog die Bilder aus der Sofortbildkamera und schenkte sie mir. Meine Mutter machte Salzburger Nockerln, meine Lieblingsspeise, neben Hefeklöße mit Backobst. Ich glaube, diese Momente des Gl
ücks, auch wenn sie noch so unbedeutend erscheinen, kann man nie vergessen.
Meine 3105 hatte mich wieder! Und der Taxialltag schlug voll zu. Ich rief das Taximagazin an und bat Wolfgang Hager eine Anzeige für mich aufzugeben. Sie lautete: "Suche Kollegen, die auch Storys schreiben / Belletristik, zwecks Austausch, Bine Faber, Tel.:....!" Die Anzeige wurde in der nächsten Ausgabe abgedruckt. Es riefen zwei Kollegen an! Der erste war eine studentische Aushilfskraft, studierte Philosophie, und interessierte sich für Esoterik. Das war nicht mein Ding! Der zweit
e Anrufer entpuppte sich als langjähriger Taxifahrer, Mitarbeiter im Taximagazin, der selber in jeder Ausgabe Artikel schrieb. Er hieß Günther Laatz und war wohl stadtbekannt im Taximilieu.
Wir trafen uns im "Inside" am Kudamm, einer Taxikneipe. Günther war schon vom älteren Kaliber, hartgesotten, was das Taxileben betraf. Er las meine Shortstorys und kam zu der Erleuchtung, dass ich im Taximagazin das Feuilleton beleben sollte. Ich willigte ein.
Wenn ich nachts an der Taxihalte auf Kundschaft wartete, griff ich mir mein Aufnahmegerät und sprach meine Erlebnisse hinein. Das hatte ich schon oft getan, über all die Jahre. Doch jetzt sollten meine Storys im Magazin abgedruckt werden. Da war ich stolz drauf. Ab und zu unterhielt ich mich mit einem Kunden über das Taxifahren bei Nacht. So manch einer sagte interessiert: "Sie erleben sicher so einiges! Darüber könnte man ein Buch schreiben!"
Wenn ich dann erklärte: "Das mache ich auch!" kam zur Antwort: "Wirklich? Das möchte ich lesen!"
Da war ich gerührt und chauffierte meine Taxe erhobenen Hauptes durch die Stadt.
Als eines Mittags das Telefon läutete, ahnte ich schon, wer der Anrufer war: "Henny, am Apparat! Hallo, Bine, wie geht es dir?"
"Gut! Wie läuft es bei dir?"
"Stell dir vor, meiner Ehe ist neues Leben eingeblasen! Es geht plötzlich wieder gut! Und du hast mir dabei geholfen, hast sozusagen Sozialarbeiterin gespielt."
"Ich bin froh, dass es bei dir besser geht."
"Ich danke dir Bine, du bist eine liebe Freundin. Du, ich rufe dich bald wieder an."
Das Telefonat machte mich nachdenklich. Hatte ich denn wirklich Sozialarbeiterin gespielt? Es musste so sein! Henny war wieder da, wo er hingehörte. Das Schicksal hatte es so gewollt.
Im Februar erwischte mich ein Grippevirus und stellte mich taxikampfunfähig. Ich hütete das Bett und sann nach. Wie war das eigentlich mit meinem Wunsch nach einem Traumprinzen bestellt? Wollte ich immer noch einen? "La Vie", mein Lieblingsstoffaffe, saß auf dem Bett und guckte mich mit treuseligen Knopfaugen an. Er schien ebenfalls zu denken, und ich sagte ihm: "Ohne Prinzen geht die Welt auch nicht unter!"
Ich baute mein Immunsystem flink auf. und rief meinen Chef an.
"Deine Angestellte ist wieder oben auf! Ich freu mich schon auf meine Taxe!"
Micha lachte und sagte: "Das ist gut! Die 3105 wartet schon auf dich."
Ich schwang mich in meine Droschke und kurvte los. Berlin gehörte mir! Und ich tauchte unter im Asphaltschungel und spürte die Launen und Stimmungen der Nacht auf.
Es wurde eine gute Taxinacht, eine von der Sorte, an denen ich befriedigt ins Bett fiel. Ich schlief mit dem Gedanken ein, dass ich eine Mauerpflanze sei, die zwischen dem Beton herrlich emporwuchs. Sie war zwar zart und sanft, trotzte aber Hagel und Sturm.
Der Frühling war im Anmarsch, und ich sah überall in Berlin die Mauerblumen wachsen. Sie suchten sich ihren Weg im Asphalt, ja, überall zwischen den Steinen.
Und dann kam der Mai! Das Schicksal bringt manchmal im Leben sonderbare Wendungen. So auch in meinem Leben! Henny tauchte eines schönen Tages aus der Versenkung auf. Diesmal klingelte nicht das Telefon, sondern meine Türklingel. Ich öffnete und kriegte den Mund nicht mehr zu. Er rief freudestrahlend: "Du Bine, ich bin frei! Habe mir eine eigene Wohnung in Holland genommen und die Scheidung eingereicht. Was sagst du?" Mir kullerten Tränen hinunter. Henny sah so glücklich a
us, dass es mir die Sprache verschlug. Ehe ich zu Worte kam, hatte er aus der Küche einen kleinen Hocker geholt, zeigte darauf, und ich stellte mich drauf. Nun war ich genauso groß wie er. Zum ersten Mal spürte ich ihm gegenüber ein so freies Gefühl, dass ich ungehemmt sagte: "Du, Henny, ich bin glücklich, denn du bist da."
Wir küssten und schmusten uns, bis wir wieder zur Besinnung kamen. Henny sagte: "Ich wollte von Anfang an, dich!" Mensch, waren wir verliebt!
Und was daraus wurde, war steigerungsfähig. Henny fuhr an jedem zweiten Wochenende nach Berlin. Dies einen ganzen Sommer lang, bis wir zwei es nicht mehr aushielten, sechshundert Kilometer getrennt zu sein.
Im September '96 saß ich im Zug nach Holland. Ich hatte nur noch einen Rucksack bei mir, alles andere aus Berlin war schon in meinem neuen Zuhause.bei Henny. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, Berlin und mein Taxi hinter mir zu lassen. Meine Wohnung hatte ich gekündigt, und was wir an Möbelstücken nicht brauchten, hatte ich verschenkt.
Am Tag zuvor hatte ich auf Berlins Straßen einen kleinen goldenen Schmetterling gefunden. Henny erzählte mir später, dass der Schmetterling das Wappen meiner neuen Heimat, der Stadt Emmen ist.
Im Sommer 1996 zog Bine nach Emmen. Henny machte ihr Mut, ihre Texte als Buch herauszubringen. Es folgten Monate, in denen sie gemeinsam das Geschriebene durchgingen, überarbeiteten und für das Buch die passenden Texte raussuchten. Dann begann die Suche nach einem Verlag, gleichzeitig begannen wir, den Taxiroman im Internet zu veröffentlichen. Im Juli 1999 erschien das Buch "Ach, 'ne Dame!" im Schardt-Verlag Oldenburg. Es kann über Buchhandlungen bestellt werden oder bei mail@strassenmitte.de